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Heile Welt? - ...über den Beetrand geschaut

 

So gern schreibe ich für euch und berichte von unserer Arbeit. Das macht meine Arbeit rund, lässt mich reflektieren und sammeln. Es befriedigt meinen Anspruch auf Transparenz und Teilhabenlassen. Viele von euch sagen mir, dass sie das so gern lesen. Ihr seid natürlich an all dem interessiert; ist es vielleicht auch das Bild von einem Stück heiler Welt, das da in euren Köpfen entsteht? Klar, wir stehen vor Herausforderungen wie Trockenheit, kaputten Maschinen, dem erfolgreichen Zusammenbringen von Familienleben und Arbeitsalltag und der Realisation unserer Ideale, aber ansonsten schätzen wir uns glücklich: Wir sind gesund, unser Beruf ist unsere Leidenschaft, wir haben Kunden und Freunde, die hinter uns stehen und uns schätzen. Das Wissen, dass die Welt und unsere Gesellschaft in so vielem absolut nicht heil ist, lässt uns umso mehr froh sein über das, was uns vergönnt ist. Wir jammern zwar auf relativ hohem Niveau, aber auch wir sind mit manchem, was in unserer Branche passiert, nicht einverstanden. Es passieren dramatische Dinge auf der Welt, das wissen wir; Dinge, die teilweise weit schwerwiegender und akuter sind… doch ist es nicht menschlich, nach Entwicklung zu streben, von dem Punkt aus, an dem man eben gerade steht?

 

Wir sind nicht isoliert in unserer wunderbaren Oase, wir sind vernetzt, kaufen Waren ein und verkaufen Waren, wir sind Mitglied im Demeter-Bund, der uns biodynamisch arbeitende Betriebe nach außen vertreten soll, der uns kontrolliert und informiert, der durch Öffentlichkeitsarbeit unterstützend zur Vermarktung von Demeter-Produkten beitragen soll. Label wie Bioland und Demeter sind (nicht nur, aber auch) Marken, die verkauft werden sollen/wollen. Selbst Demeter als Organisation, als Anbauverband, trifft mittlerweile Entscheidungen bzgl. der Vermarktungsstrategien, mit denen wir und viele andere Betriebe nicht einverstanden sind.

 

Ich möchte vorwegschicken, dass biologisch erzeugte Lebensmittel immer die bevorzugte Wahl sein sollten, vor allem die der Anbauverbände Bioland, Biokreis, Demeter, Naturland… Doch darüber hinaus lohnt es sich, hinzuschauen, kritisch zu bleiben, die Dinge differenziert zu betrachten. Denn was ist mit dem kleinen Hof, für den eine Zertifizierung zu teuer wäre, der aber konsequent ökologisch wirtschaftet? Wie unsere Freunde vom Derr-Hof in Holzbronn mit ihren Hühnern, den Deutschen Langschan. Sie stecken übrigens mitten in der konkreten Planung, eine Bio-Brauerei zu eröffnen, für die sämtliche Rohstoffe regional bezogen werden sollen. Wenn ihr so einen kleinen, leidenschaftlichen Hof kennt, unterstützt ihn. Denn es zählt nicht vorrangig das Label, die Marke, sondern die Menschen und ihr Antrieb.

 

Hinter einem Label und einem Kontrollverfahren stecken erst mal ganz nüchtern Richtlinien. Von erlaubten Pflanzenschutzmitteln über die Herkunft des Saatguts bis zur Anzahl der Quadratmeter, die verschiedene Tierarten zur Verfügung haben müssen, ist hier alles festgehalten. Und gerade in der Tierhaltung besteht eine Diskrepanz zwischen der richtlinienkonformen Realität und dem Bild, das in unseren Köpfen ist. Legehybride (auf eine hohe Legeleistung gezüchtete Hühner) und in diesem Zusammenhang getötete männliche Küken sind auch bei der Bio-Eierproduktion noch weit verbreitet. Ab 2022 soll das Kükentöten per Gesetz der Vergangenheit angehören, weshalb derzeit die Geschlechtserkennung im Ei vorangetrieben wird. Demeter und Bioland sprechen sich klar gegen die sog. In-Ovo-Selektion aus, denn die Vernichtung der männlich befruchteten Eier stellt lediglich eine Verschiebung des Problems dar: Die männlichen Küken dürfen nicht leben und die unnatürliche Zucht von Hochleistungshühnern geht weiter. Die beiden Verbände arbeiten zusammen mit der ÖTZ an der Züchtung eines Zweinutzungshuhns, das ganz gut Eier legt und Henne sowie Hahn auch Fleisch ansetzen, das traditionelle Huhn auf natürliche Art weiterentwickelt, sozusagen. Auch bei Rindern hat diese Thematik eine hohe Relevanz: Eine Kuh

 

muss jedes Jahr ein Kälbchen bekommen, um Milch zu geben. Erwiesenermaßen ist es der körperlichen und sicherlich auch seelischen Gesundheit (das geht ja Hand in Hand) von Kuh und Kalb zuträglich, wenn sie noch eine Weile zusammenbleiben und dann möglichst schonend einander entwöhnt werden. Doch festgehalten ist die kuhgebundene Kälberaufzucht in keiner Richtlinie. Es gibt tolle Betriebe, die das trotzdem praktizieren, doch bei vielen werden Kuh und Kalb oft schon nach ein paar Stunden getrennt und weil auf dem Bio-Fleischmarkt kein Platz für sie ist (wir konsumieren zwar viele Milchprodukte, aber wenig Fleisch), landen vor allem die meisten Bullenkälber in der konventionellen Mast, teilweise nach Transporten der nur wenige Wochen alten Kälber sogar in EU-Drittländer. In manchen Ländern dürfen Kälber sogar direkt nach der Geburt getötet werden, wie hierzulande die männlichen Küken.

 

Wir kaufen also guten Gewissens Eier, Käse, Milch… aus ökologischer Erzeugung und denken sehr wenig an die größeren Zusammenhänge. Zusammenhänge, die bereits oft viel zu groß geworden sind, um sie komplett zu überblicken und die meines Erachtens eines Schrittes zurück und einer Umstrukturierung hin zum Kleineren bedürften.

 

Haben wir nicht ein Bild im Kopf, das uns glauben lässt, dass es einem Bio-Tier doch unmöglich schlecht ergangen sein könnte, an keiner Stelle seines Lebens oder Sterbens? Ähnlich ist es bei den Pflanzen, beim Boden und wie er bewirtschaftet wird... Es ist nicht immer angenehm, genau hinzuschauen, es ist menschlich, solche Dinge zu verdrängen, so gut wie kein Konsument liest sich (verständlicherweise) die Richtlinien der Bio-Verbände durch.

 

Aus eigener langer Erfahrung weiß ich, dass es immens bereichernd sein kann, einen zweiten und dritten Blick zu riskieren, sich immer wieder neu zu informieren, um eine möglichst mündige Kaufentscheidung treffen zu können. Nicht nur als Endkonsument kaufe ich ein, wir stehen auch vor der Wahl der bestmöglichen Produkte zum Weiterverkauf an euch. Einiges davon ist für uns ein Kompromiss, und wir wissen, dass weder wir noch ihr von heute auf morgen die Welt retten können, wo sie doch in so vielerlei Hinsicht zu retten wäre. Doch was wir ihr schuldig sind, finde ich, ist, dass wir uns bewusst sind, dass sie der Rettung bedarf und dass wir offen und bereit sind, die Schritte zu tun, zu denen jeder von uns individuell fähig ist, jeder von seinem ureigenen Standpunkt aus.

 

Lutz und ich, wir könnten unsere Arbeit als Gärtner nicht so leidenschaftlich tun, wenn wir das große Ganze nicht sehen würden, wenn wir nicht Ideale hätten, denen wir unaufhörlich versuchen, nahe zu kommen, wenn wir unsere Arbeit nicht auch in einem politischen und gesellschaftlichen Kontext sehen würden.

 

Ich will versuchen, euch immer wieder mal tolle, leidenschaftliche Menschen und Höfe vorzustellen, die ganz neue Wege gehen.

 

 

Ich wünsche euch Mut zum zweiten Blick, immer wieder,

lasst euch bereichern.

 

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